„wärmstens empfohlen”
von Veit Georg Schmidt (Buchhandlung Löwenherz Wien)

„Gregorio Ortega Coto hat mit »Marokkanische Minze« den denkbar zartesten schwulen Kindheitsroman geschrieben. Zunächst freilich vereinnahmt er den Leser durch die atemberaubende Schilderung einer verschwundenen Welt. Das Marokko von Pablos Kindheit war geprägt vom Zusammenleben etlicher unterschiedlicher Kulturen, den spanischen Einwanderern standen heterogene Gruppen und oft konkurrierende Interessen der Einheimischen entgegen. Dies machte es den spanischen Fremdherrschern einerseits einfach, die Oberhand zu bewahren. Andererseits waren aber alle auf das Zusammenleben mit anderen Kulturen eingestellt, sodass Bab-Qarfa vor allem in der Wahrnehmung Pablos ein Ort war, an dem er ebenso selbstverständlich Spanisch wie die Sprache der Berber sprach, im Haus Idirs ebenso ein- und ausging, wie er im Laden Ernestos war. Vor diesem Hintergrund entwickelt Gregorio Ortega Coto die Geschichte einer Außenseiterkindheit, zwischen klassischen Kinderbekanntschaften und Pablos Anhänglichkeit an seine erwachsenen Freunde. Was diesen Roman vor allem aber so besonders macht, ist, dass es von Anfang an und immer atmosphärisch völlig klar ist, dass dies eine schwule Kindheit ist, unverkennbar in ihren Sehnsüchten, ohne dass dies Pablo als Kind klar sein könnte und ohne dass reflektierende Zusammenhänge hergestellt würden. In dieser Schlichtheit ist »Marokkanische Minze« nicht nur unfasslich schön, sondern auch ein wichtiger Beitrag dazu, zu zeigen, wie wir Schwule uns an uns selbst erinnern.”


Empfehlungen Winter 2013           Buchhandlung Löwenherz Wien

 

 

 
 

 

 

 
 

„Ein intensiv erzählter, anrührender Roman über eine schwule Kindheit, jenseits jeglicher idyllischer Verklärung. [...] Ein zart erzählter, wunderschöner Roman über eine schwule Kindheit in einer geheimnisvollen, verschwundenen Welt.”

Themenseite Marokko, September 2013
Buchhandlung Löwenherz Wien

 
 

In der Stadtteilzeitung Schöneberg Nr. 105 (Oktober 2013), Berlin,
Zeitung für bürgerschaftliches Engagement und Stadtteilkultur
schrieb Isolde Peter:

Der Schriftsteller Gregorio Ortega Coto ist einigen Lesern vielleicht bereits durch sein Engagement für das Gedenken an Albert Einstein bekannt. Die von ihm initiierte Stele für Einstein steht an der Haberlandstraße 8 im Bayerischen Viertel.

Ortega Coto hat bisher vor allem Kurzgeschichten veröffentlicht, zum Beispiel in dem Band Untaugliche Indianer (erschienen 2005). Anfang dieses Jahres brachte er das zweisprachige Leporello (deutsch/englisch) Haberlandstraße Berlin-Schöneberg: Die Geschichte einer Straße und ihrer Bewohner heraus. Daneben hat er auch zwei Kinderbücher gestaltet, zu denen er auch Lesungen für Kinder veranstaltet.

Nun ist sein erster Roman Marokkanische Minze erschienen. Das Buch ist eine packende Erzählung, die persönliche Schicksale sehr unterschiedlicher Menschen mit der Geschichte Spaniens und Marokkos verwebt. Die Hauptfigur, Pablo, ein junger Mann, reist zurück in das Land seiner Kindheit. Bab-Qarfa im marokkanischen Rif Gebirge ist der Ort, den sich seine Eltern, Gustavo und Lina, damals vor seiner Geburt aussuchten. Sie wollten dort nach dem Spanischen Bürgerkrieg ein besseres Leben finden.

In Rückblenden nehmen wir als Leserinnen und Leser teil an den Erinnerungen, in die Pablo immer wieder eintaucht. Wir sehen, wie hart das Leben in Spanisch-Marokko für das junge Paar – Pablos Eltern am Anfang ihrer Ehe – ist. Wenn sie wenigstens ein Kind zusammen hätten! Aber der Kinderwunsch erfüllt sich zunächst nicht. Der Vater arbeitet als Holzfäller, leistet eine schwere und gefährliche Tätigkeit. Die Mutter versucht so gut es geht, mit den geringen Mitteln über die Runden zu kommen. Als Pablo schließlich zur Welt kommt, ist es zu spät. Das Baby kann die Ehe auch nicht mehr retten. Der Vater, Gustavo, hat sich längst für den Alkohol entschieden.

Als der junge Pablo acht Jahre alt ist, stirbt der Vater bei einem Unfall. Das Schicksal nimmt damit eine unerwartete Wende. Nun muss die Mutter für beide sorgen. Ihre Lebenswege kreuzen sich mit denen anderer Menschen, die zu Freunden werden. Da ist der marokkanische Berber und Markthändler Idir Ben Rahman und dessen Frau Naima, mit denen Pablo eine enge und wichtige Freundschaft eingeht. Der geheimnisvolle Spanier Ernesto Merino hilft Mutter und Sohn soviel er kann. Die spanische Gesellschaft im Protektorat Spanisch-Marokko, die dem Franco-Regime verbunden ist, wird in ihrer Autoritätshörigkeit und Arroganz vom Erzähler gnadenlos entlarvt. Als Marokko die Unabhängigkeit erringt entscheidet sich Lina zur Rückkehr nach Spanien.

Ortega Coto verbindet Fiktion und historische Realität gekonnt miteinander. Bildhaft beleuchtet er den politischen Hintergrund, so zum Beispiel die Verstrickung der katholischen Kirche mit dem Franco-Regime, und macht sie den Leserinnen und Lesern anhand von sehr klar und glaubhaft gezeichneten Figuren deutlich. Marokkanische Minze ist ein mit allen Sinnen erzählendes Buch, das einen berührt und bewegt. Beim Lesen verbinden sich die historischen Bilder mit der aktuellen Situation Nordafrikas. Diesen Teil der Geschichte von Marokko und Spanien zu kennen, lässt einen das Heute mit anderen Augen sehen.

 

 

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